Barfusspark-Penzberg-08´Raus aus den Schuhen und rein ins Vergnügen´ So lautet das Motto vieler Barfuß-Begeisterter. „Wird mir das wirklich Vergnügen bereiten?“ dachte ich, als ich am vergangenen Sonntag den Eigenversuch wagte und mich mit meiner Liebsten am Startpunkt des Barfußparks in Penzberg einfand. Die Vorbereitung dieses Berichts forderte mir einiges an Überwindung ab. Denn normalerweise laufe ich fast nie barfuß, auch nicht zuhause. „Stehe ich das durch? Einskommaacht Kilometer Barfußparcour auf dem Barfußpark in Penzberg sind doch eine lange Strecke ohne Schuhe, oder!? Halten das meine ansonsten wohlverpackten - und sicher verweichlichten - Füsse ohne größere Blessuren oder gar Schmerzen aus? Mal sehen."


Bereits ohne Schuhe und bestens gelaunt empfängt mich Lorenz Kerscher, - mein Namensvetter (nicht verwandt oder verschwägert), neben dem Eingang des Café EXTRA. Lorenz Kerscher hat den Barfußpark in Penzberg ins Leben gerufen und hält ihn seither instand. "Alles ehrenamtlich versteht sich!" sagt er. „Was für ein Idealist!“ denke ich und finde ihn gleich sympathisch.

Nach einer kurzen und herzlichen Begrüssung geht es gleich ´per Du´ los. Die Schuhe lasse ich im Kofferraum meines Autos, ich will ja nicht als ´Weichei´ rüberkommen, der beim ersten Steinchen gleich wieder die Slipper überzieht.

Barfusspark-Penzberg-07Die erste Station des Parcours befindet sich auf einer Wiese. Ich schaue nach rechts in Richtung Alpen. Welch ein Blick: Stolz thront dort die Benediktenwand, auf den Gipfeln wie weiss gepudert. Lorenz Kerscher läuft vorneweg und lädt uns ein, an der ersten Station, auf einem liegenden Baumstumpf zwischen den – nun nach oben ragenden – Ästen hindurch zu klettern. „Das ist ja leicht und tut gar nicht weh!“, denke ich und spüre, wie die Anspannung langsam von mir abfällt. Dann geht es gleich danach über eine Art Hängebrücke, bei der wir über schwankende Balken balancieren müssen, welche an Ketten befestigt sind.

Wir gehen entlang eines Feldwegs weiter und meiden dabei – auch Lorenz - die kleinen Schottersteine auf dem Weg. Wir entscheiden uns für den Rand der Wiese, bis wir nach links, den Hubsee zur Linken, einem kleinen Wald zusteuern.

Vorher aber noch erwartet uns die dritte Aufgabe. Einige Meter vor der Station kommt uns eine junge Familie entgegen. Die Kinder hüpfen gut gelaunt über die Wiese, die Eltern machen dabei einen entspannten, gelösten Eindruck. Wir tauschen ein paar nette Worte aus und flachsen über deren schlammverschmierte Füsse.

Barfusspark-Penzberg-10Dann erreichen wir die dritte Station. Lorenz macht uns die Übung vor. Er steigt auf zwei kleinere Felssteine und balanciert auf den Köpfen von Holzpflöcken, die in den Boden gerammt sind. Er schafft fast alle, ist aber mit seiner heutigen Leistung trotzdem nicht zufrieden. Er sei nicht in seinem inneren Gleichgewicht, meint er.“ „Ah so, denke ich. Mal sehen, das sieht doch leicht aus. Dem werde ich´s zeigen. „Autsch.“ Schon mein erster Schritt auf den kleinen, abgerundeten Felsbrocken tut mir weh. Ja klar, wenn ich mit jeweils einer Fusssohle und den bei mir offensichtlich nicht ausreichend trainierten Fussmuskeln mein ganzes Körpergewicht tragen und dabei auch noch die Balance halten soll, wird mir die Schwierigkeit der Aufgabe erst bewusst. Nach vier Versuchen, bei denen ich allerdings sogar einige der Holzpfosten erreicht hatte, gebe ich auf. „Ja, das innere Gleichgewicht.“ denke ich und bin froh, dass die Kinder meine desolate Leistung nicht sehen konnten. Wir folgen Lorenz in Richtung Waldeingang.

Lorenz erzählt mir, dass er im Jahr 1999 die Idee zur Errichtung eines Barfußparks in Penzberg hatte. Er sei schon immer für sein Leben gern barfuß gelaufen, auch in der Natur, über Stock und Stein. Es habe ihm schon immer Spaß gemacht und gutgetan. Als er damals im Internet zwei Barfußparks gefunden hatte, habe er dann beim Penzberger ´Arbeitskreis Naherholung´ die Errichtung eines Parcours vorgeschlagen. Daraufhin habe er mit der Gruppe ein Konzept ausgearbeitet und dieses dann mit den anderen Pächtern des Areals abgestimmt. Die Jagdpächter und Mitglieder des Fischereivereins galt es zu überzeugen, dass ihnen und ihren Interessen keine Beeinträchtigung drohe.

Dann folgen wir dem Fussweg und tauchen wieder in den Wald ein. Darin durchlaufen wir Stationen mit Moränenkiesbrocken, Rundhölzern und Sand. Nach etwa hundert Metern leichtem Anstieg verlassen wir das Dunkle des Waldes wieder und passieren diesen am Rand entlang, - immer die Alpenkette vor uns, laufen über eine Fühlstrecke mit verschiedenen Kiessorten, bis wir dann wieder den Wald betreten.

Lorenz Kerscher erzählt uns, dass er damals, als er den Barfußpark Penzberg ins Leben rief, Biochemiker bei einem grossen Arzneimittelhersteller im Bereich der Medizinproduktzulassung tätig war. Nun sei der im Vorruhestand und geniesse das Leben in vollen Zügen, meistens barfuß versteht sich.

Barfusspark-Penzberg-03Ich frage Lorenz, welche Vorteile das Barfußlaufen hat und welche gesundheitlichen Auswirkungen seiner Erfahrung nach eintreten können. Seine Augen leuchten, als er mir antwortet. Er habe damals unter starken Rückenschmerzen aufgrund langjähriger sitzender Tätigkeit und eines angeborenen Haltungsfehlers stark gelitten. Mit dem Barfußlaufen in der Natur habe er eine sehr positive Wirkung festgestellt. „Die Verringerung speziell meiner Rückenschmerzen erkläre ich mir dadurch, dass man wesentlich intensiver die Bewegung seines Fusses ausschöpft. Dadurch, so nehme ich das wahr, kann sich die Haltung des Körpers besser aufbauen.“ Barfuß im Gelände tritt man stoßgedämpft mit dem Fußballen auf, arbeitet intensiv mit den Zehen und setzt dabei auch die tiefe Bauchmuskulatur ein, welche die Wirbelsäule in einer günstigen Stellung stabilisiert. „Man schöpft alle natürlichen Bewegungs- und Wahrnehmungsmöglichkeiten aus. Man läuft optimal.“ ergänzt Lorenz und nickt dabei bestärkend. Ich nicke und hoffe, dass auch meine Rückenschmerzen das gehört haben.

Barfusspark-Penzberg-02Mittlerweile sind wir an der Stelle angelangt, an der auch die junge Familie nachweislich gewesen sein muss: Die Schlammstrecke. Da ich kurze Hosen anhabe, muss ich auch kein Hosenbein hochkrempeln und trete beherzt, aber doch vorsichtig in die nasse, glitschige Masse ein. Langsam setze ich Schritt für Schritt vor mich. Ich will ja nicht ausrutschen, denn etwas, woran ich mich festhalten könnte, ist nicht in greifbarer Nähe. Das Gefühl ist toll. Und alles geht gut. Auch Lorenz und meine Liebste machen sich daran, durchzuwaten und kommen mit tiefgrau-verklebten Waden wieder aus dem Schlamm heraus.

Lorenz merkt an, dass das Naturpädagogische des Barfußlaufens Menschen dahin sensibilisieren könne, dass unsere Naturlandschaft, soweit sie schonend und extensiv bewirtschaftet wird, für die Freizeitgestaltung und den Menschen einen ganz grossen Wert habe. Und so etwas gehe nur über das eigene Erleben. „Ich kann nicht etwas lieben, das ich nie gefühlt habe. Den Boden spüren, die Vögel hören, die schöne Landschaft sehen. Wald und Wiese, Bäume, Blumen, Schmetterlinge.“

Man merkt, Lorenz ist stolz auf ´seinen´ Barfußpark. Kein elementarer Eingriff in die Natur sei nötig gewesen. Alle Erlebnisstationen bestünden aus Naturmaterial: Holz, Moränenkies, Zapfen. Trampelpfade, die bereits vorhanden waren, wurden verwendet und dabei nur etwas verbreitert,

Barfusspark-Penzberg-Lorenz„Ich freue mich, ein Dilettant zu sein.“ Mit diesem Satz überrascht er uns dann, kurz bevor wir zur letzten Station, einem Balancierbalken, kommen. Fragend blicke ich ihn an. Lorenz erklärt: „Dilettant komme aus dem Lateinischen: delectare, italienisch dilettare. Das bedeute ´sich erfreuen´. Ein Dilettant sei also jemand, der das, was er tut, mit Freude tut.“ Ich nicke, meine Liebste auch. Dann bin ich also irgendwie auch ein Wald-Dilettant, sinniere ich.

Als Waldliebhaber frage ich Lorenz natürlich auch danach, welche Besonderheiten Barfußerlebnispfade im Wald haben. Er erklärt mir, dass das Gehgefühl anders sei als auf der Wiese. Auf dem Waldboden liegen Laub oder Nadeln. Man müsse auf Stöckchen oder Äste achtgeben, sie bei der Pflege des Barfußpfads auch beiseite räumen, damit sich niemand daran wehtut. Stationen zum Beispiel mit einem Lerchennadelteppich oder Fichtenzapfen seien ein ganz besonderes Erlebnis. Auch der ätherische Duft der Nadelbäume könne man besonders intensiv erleben. Auch müsse man bewusster, gar vorausschauender gehen, um nicht auf eine Wurzel zu treten.

Auf meine Frage, wer die Besucher des Barfußparks in Penzberg sind, erklärt mir Lorenz: „Alle zwischen neun Monaten und 99 Jahren“ und schmunzelt dabei. Sehr viele Familien kämen, zumal der Barfußpark bereits in vielen Familienwanderbüchern als Ausflugsziel beschrieben werde und Fernsehsendungen und Zeitschriftartikel schon darüber berichtet haben. Lorenz Kerscher ergänzt, dass auch ein Familienhund gerne mit dabei sein dürfe, wenn er nicht frei laufe und andere Tiere verscheuche. Bedingung sei natürlich, dass die Hundebesitzer auch die ´Hinterlassenschaften´ ihres Tieres mitnehmen. Der Eintritt zum Barfußpark in Penzberg sei kostenlos, er überlege aber, eventuell eine Spendenbox für freiwillige Spenden aufzustellen. Sachspenden seien gerne gesehen (z.B. ausrangiertes Holzspielgerät, das von einer Stadtverwaltung abgebaut wird bei dem sich häufig immer noch gute, brauchbare Teile darunter fänden). Auch sei er für Rindenmulch, Hackschnitzel, oder Holzspäne dankbar oder für verwertbare Holzstücke von Zimmereien. Auch sei tatkräftige Hilfe willkommen, zum Beispiel, um Wege freizuräumen oder Material zu verteilen.

Barfusspark-Penzberg-09Schliesslich erreichen wir wieder den Start- und Zielpunkt und waschen unsere Füsse und Waden am Waschplatz. Ich wundere mich, dass mir das Barfußlaufen so gar keine Schwierigkeiten bereitet hat. Irgendwie fühle ich mich gut, meiner Liebsten geht es genauso. „Das machen wir bald wieder.“ versichern wir und bedanken uns herzlich bei Lorenz für die angenehme Führung und die vielen bereitwilligen Auskünfte. Nach einem Kaffee im Café EXTRA und einem leckeren Stück Kuchen verabschieden wir uns von Lorenz und erreichen bald unser Auto, um unsere Schuhe anzuziehen. Lorenz Kerscher geht zu seinem Fahrrad und fährt davon, natürlich barfuß.

Thomas Kerscher, Herausgeber Waldliebhaber.de


Nähere Infos: www.barfusspark.info