- Hagebutten im Herbst

 

Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm,
Es hat von lauter Purpur ein Mäntlein um.
Sagt, wer mag das Männlein sein,
Das da steht im Wald allein
Mit dem purpurroten Mäntelein.

Das Männlein steht im Walde auf einem Bein
Und hat auf seinem Haupte schwarz Käpplein klein,
Sagt, wer mag das Männlein sein,
Das da steht im Wald allein
Mit dem kleinen schwarzen Käppelein?

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1843)

Mit dem Fliegenpilz ist hier kein Blumentopf zu gewinnen

 - Phantastischer Fliegenpilz Über das alte Volkslied „Ein Männlein steht im Walde“ zerbrechen sich auch heute noch Groß und Klein gerne mal den Kopf: Ist mit dem Männlein nun der Fliegenpilz oder die Hagebutte gemeint? Viele sind davon überzeugt, dass es der Fliegenpilz ist, doch wer die letzte Textzeile des Liedes ganz genau liest, beziehungsweise singt, muss der Hagebutte wohl oder übel den Vorrang geben. Oder wie es der Musikwissenschaftler Hans-Josef Irmen nach Wikipedia einmal etwas kompliziert ausgedrückt hat:

„Tatsächlich wächst die Hagebutte nicht im Wald allein, sondern zumindest am Waldesrand, 'am Rain‘, und ihre Früchte stehen zahlreich beisammen. Hoffmann weist dem Ratenden in der ersten Strophe einen falschen Weg, jedermann denkt zuerst an den Fliegenpilz. Erst wenn als weiteres Indiz der zweiten Strophe das ‚schwarze Käppelein‘ bekannt wird, ist klar, dass es sich um die Hagebutte handelt. Der Widerspruch zwischen beiden Strophen lässt darauf schließen, dass der Dichter inkompatible Vorlagen zu vereinigen suchte.“

Soso, der Dichter versuchte inkompatible Vorlagen zu vereinigen …. Doch ob inkompatibel oder nicht, die Hagebutte ist des Rätsels Lösung. Und so trägt ein ausgewähltes Kind im Kindergarten oder Hort am Ende vom Lied zumeist stolz das folgende Sprüchlein vor:

Das Männlein dort auf einem Bein
Mit seinem roten Mäntelein
Und seinem schwarzen Käppelein
Kann nur die Hagebutte sein.

Die Hagebutte: Ständige Lebensbegleiterin und ...

 - Hagebutten im HerbstDie meisten von uns lernen die Hagebutte von klein auf aber nicht nur im geträllerten Zustand, sondern auch richtig handfest kennen: Ob als „roter Tee“ am Familientisch getrunken, als „Hiffenmarmelade“ (Hagebuttenmark) auf dem Brot genossen oder mit eben dieser Füllung als süßer Krapfen schnell verputzt – die Hagebutte begleitet fast jede Kindheit und auch die häufig nicht mehr so süßen Tage danach, bis hin zum tristen Tisch im Altenheim, an dem sich Pfefferminz- und Hagebuttentee gute Nacht sagen. Fest steht immerhin: das purpurrote Männlein hat es in sich, es ist eine leckere Nascherei und dazu auch noch eine echte Vitaminbombe. Und welches arme Kind weiß noch nicht, dass man aus seinen Samen ein prima Juckpulver herstellen kann? Auch pur ist die Hagebutte unser Freund und lässt sich, oft nach einem ganzen Winter ordentlich durchgefrostet und schön süß geworden, direkt vom Strauch pflücken – womit wir genau das machen, was auch viele Vögel gerne und zu ihrem besten Vorteil tun. Und, die Hagebutte nährt und schützt als wildwachsende Rose ganz nebenbei auch viele andere Tierarten.

... liebenswerte vielseitige Rosenfrucht

Doch was ist die Hagebutte eigentlich genau? Mit der Namensreichen (man nennt sie auch Hägen, Hiefe, Hiffen, Hiften, Rosenäpfel, Hetschhiven, Hetscherl, Hiven, Hetschepetsche, Mehlbeere) bezeichnet man die Früchte verschiedener Rosenarten, besonders die der Hundsrose - aber auch die Wildrosen selbst heißen manchmal so. Außerdem ist die Hagebutte eine Sammelfrucht, die viele kleine Nüsse enthält – an eben diesen minikleinen Nüsschen hängen die fiesen, feinen, mit Widerhaken bestückten Härchen, mit denen man andere so gut piesacken kann – zum Essen sind sie allerdings weniger zu empfehlen. Übrigens wird die Hagebutte vor allem in Europa und Asien angebaut, aber auch in Südamerika und Nordafrika hat sie sich nach Wikipedia inzwischen verbreitet. Hundsgemein ist die gemeine „Hundsrose“ auf jeden Fall nicht, im Gegenteil: das purpurrote Männlein ist ein echter Schatz, der sich nicht nur zum Vernaschen eignet, sondern sich auch in der Heilkunde und sogar als Hautpflegemittel (Hagebuttenöl) einen Namen gemacht hat – lassen wir das liebe Männlein mit seinem rotem Köpfchen also nicht ganz allein im Walde - Entschuldigung, am Waldesrande – stehen.

Gudrun Opladen

Auf bald im Wald

Ihre Redaktion von Waldliebhaber.de