Trauerweide1Der Schädel dröhnt, die gute Laune vom gestrigen Sommerabend ist wie weggeblasen: ein paar Tropfen des guten Weins müssen irgendwie schlecht gewesen sein … Kommt Ihnen das bekannt vor? In solch einer Situation ist der Griff zu Aspirin & Co für uns heute völlig selbstverständlich. Doch wussten Sie auch, dass die Entwicklung des berühmten Wirkstoffes „Acetylsalicylsäure“ (kurz ASS) im 19. Jahrhundert entscheidend mit der Kraft des Weidenbaumes zu tun hatte? Und dass, bildlich gesprochen, das kleine Weidenkätzchen tatsächlich dazu imstande ist, den bösen Kater zu besiegen?


Woraus schöpft die Weide ihre geheimnisvolle Kraft?

Das Geheimnis dieser erstaunlichen Stärke ist schnell gelöst: die Weide (von althochdeutsch wîda ‚die Biegsame‘, lat. Salix) enthält den Wirkstoff Salicin und weitere wichtige sekundäre Wirkstoffe. Vor allem das Salicin wird im Körper zu Salicylsäure umgewandelt, welches der Grundstoff des Medikaments Aspirin ist. Wie sein künstliches Pendant wirkt auch das natürliche Salicin fiebersenkend, schmerzlindernd, entzündungshemmend und sogar antirheumatisch – das wussten schon die Ägypter, Römer und hierzulande unsere Vorfahren im Mittelalter. Auch sie nutzten die Weide bereits als Schmerzmittel, senkten damit Fieberanfälle und setzten übrigens auch das Laub der Weiden als harntreibendes Mittel ein.

Doch wo genau verbirgt sich der heilsame Wirkstoff in der Weide eigentlich? Er steckt nicht im Hauptstamm und auch nicht in den weichen, samtenen Weidenkätzchen. Gewonnen wird das Salicin seit alters her aus der Rinde der jungen, frischen Weidentriebe. Die Rinde wird im Frühjahr geschält, geschnitten und getrocknet, um daraus Tee oder einen Kaltauszug herzustellen. Dabei kann die Arznei sowohl innerlich als auch äußerlich angewendet werden. Der Clou bei der „natürlichen Tablette“: sie ist so gut wie nebenwirkungsfrei, wenn man den Extrakt nicht überdosiert. Im Gegensatz   zu den synthetischen ASS-Produkten beeinflusst ein natürlicher Weidenauszug ebenfalls nicht die Blutgerinnung, „verdünnt“ also nicht das Blut, wie wir laienmedizinisch sagen – für chronisch kranke Schmerzpatienten ein wahrer Segen. Trotzdem empfiehlt es sich, eine Anwendung vorher mit dem Arzt abzusprechen, denn Allergiker oder Asthmatiker müssen auch bei der Weide vorsichtig sein.

Und was kann die Weide noch?

Weide2Wir alle kennen die Weide vor allem als malerischen Bestandteil natürlicher Flusslandschaften. Sie zählt zu den Laubgehölzen und weil sie feuchte Böden liebt, sehen wir sie auch häufig am Wasser. Die Weide - es gibt von ihr weltweit rund 400 verschiedene Sorten - kann Bäume, Sträucher oder Zwergsträucher entwickeln. So werden die ganz Großen unter ihnen bis zu 30 Meter hoch, die kleinen Zwergen-Exemplare bringen es dagegen gerade einmal auf 3 Zentimeter Länge. Die Weiden wachsen meistens schnell, leben dafür aber nicht so lange. Mit ihren kräftigen und stark verzweigten Wurzeln können sie hervorragend das Erdreich festigen. Und sie sind nicht nur sehr biegsam, sondern „schlagen“ auch sehr gerne aus. Deshalb wurden sie früher bevorzugt als Kopfweiden genutzt: man nahm ihre Ruten zum Flechten von Körben und anderem oder fertigte aus den dickeren Ästen Stile für Besen, Pfosten oder Pfähle, etwa zum Errichten von Weidezäunen.

Auch heute noch leistet uns die Weide gute, wirtschaftliche Dienste. So wird sie etwa zur Energiegewinnung in den modernen Energiewäldern angebaut. Oder sie kommt im sogenannten Lebendverbau zum Einsatz: hierbei schaffen ihre Zweige ganze Bauwerke oder befestigen die Wurzeln Hänge und Ähnliches – praktischer und nachhaltiger geht es nicht. Für die alten Kopfweiden setzen sich heute vor allem Naturschutzorganisationen ein, denn die Bäume bieten zahlreichen Tierarten ein wichtiges Zuhause, etwa den in ihrem Bestand bedrohten Fledermäusen oder den Eulen. Diese Tiere finden in den häufig hohlen Stämmen Unterschlupf und eine gute Nistgelegenheit. Und nicht zu vergessen, mit ihren Kätzchen bieten die Weiden auch den wichtigen Bienen im Frühjahr stets eine verlässliche, erste Nahrungsquelle. Womit wir wieder bei dem süßen kleinen Kätzchen wären, das sogar einem bösen Kater erfolgreich die Stirn bieten kann. Ein schönes, nützliches Kunstwerk der Natur: eine rundum liebenswerte Augen-Weide eben.

Möchten Sie das „natürliche Aspirin“ einmal selber herstellen und anwenden? So einfach geht’s:

Bei Schmerzen und fiebrigen Infekten empfiehlt sich der Kaltauszug: Einen Teelöffel getrocknete und geschnittene Weidenrinde auf eine Tasse kaltes Wasser aufsetzen, dann alles mindestens ein paar Stunden oder über Nacht ziehen lassen. Ist der Sud fertig, wird er abgeseiht und über den Tag verteilt getrunken. Man kann die Weidenrinde aber auch etwa 20 Minuten auskochen, wenn man nicht so viel Zeit hat.

Bei rheumatischen Beschwerden kann ein Wickel mit dem Sud der Weidenrinde schmerzstillend und abschwellend wirken. Es gibt aber auch fertige Tabletten mit dem Extrakt zu kaufen. Wer genau dosieren will, hat es hier einfacher, weil der Wirkstoffgehalt genau standardisiert ist.